Grenzerfahrung auf dem Trail – Mein Bericht vom UTLW

25 km. 1.200 Höhenmeter. Berge, Wiesen, Wälder, Wege – Der UTLW, Ultra Trail Lamer Winkel, hat uns mit seinen verheißungsvollen Bildern und Beschreibungen einsamer Wege über Stock und Stein in den Bayrischen Wald gelockt und wir sind dem Ruf gefolgt. Ohne große Überlegungen hatte ich gesagt: Klar, ich komme mit. Ein Bericht meiner Grenzerfahrung am Berg.

Trail-Need Nr. 1: Ein guter Schuss Naivität

Für mich kommt bei aller Unbescheidenheit nur der 25 KM Lauf in Betracht. Doch genau genommen bin ich nach sportlichen Kriterien zu langsam und zu untrainiert dafür. Meine Läufe in den letzten Monaten waren von 1, 2 bis maximal 3 Stunden Dauer. Ich würde mich als Genussläuferin bezeichnen – Andere würden das vielleicht eher Schneckenschleicherei nennen…

Das Tempo konnte es also nicht sein, was mich hatte zustimmen lassen. Was war es dann? Näher betrachtet kann es nur ein guter Schuss Naivität sein, mit dem ich – mal wieder – eine solche Entscheidung getroffen hatte. Ich kenne das bei mir gut: Wenn etwas mein Interesse weckt, und ich die Gelegenheit habe, habe ich, bevor ich auch nur irgendeinen schwerwiegenden, analytischen, vorsichtigen oder überhaupt rationalen Gedanken fassen kann, schon ja gesagt. Mein Wunsch, es zu tun, in diesem Fall diese wunderschön aussehenden Wege zu laufen, ist groß genug, es mit möglichen Widrigkeiten aufzunehmen. Eigentlich ein schöner Moment: voller Zuversicht, Vertrauen und Stärke. Mein innerer Kritiker schüttelt den Kopf und mahnt: das ist reine Naivität…

Wenn es das ist, befähigt mich Naivität, mutig zu sein, Entschlüsse zu fassen, Dinge zu tun. Genau das qualifiziert mich nun für meinen ersten langen Trail. Sorgen und Ängste kann ich mir immer noch machen…

Trail-Need Nr. 2: Planen & Vertrauen

Was, wenn ich mich verlaufe? Wenn meine Knie schmerzen, mein Magen das Gel nicht annimmt, wenn ich nicht mehr genügend Wasser habe, was, wenn mein Handy keinen Akku mehr hat, ich etwas wichtiges verliere, zum Beispiel mein Gleichgewicht? Wenn es hagelt oder nebelig ist oder es regnet? Was, wenn ich entkräftet am Berg einfach nicht mehr weiter kann?

All diese Gedanken, Sorgen und Ängste kamen. Manchmal mit aller Wucht, manchmal zaghaft und klebrig. Lähmten mich, machten mich schwerfällig. Nahmen mir kurzzeitig sogar den Atem.

Dies gehörte zu meiner Strategie gegen Sorgen und für Vertrauen:

  1. Ich habe mir Stöcke gekauft, Carbon, faltbar, leicht. Bin damit vorher genau einmal testgelaufen. Es ging gut, gerade bergan waren sie eine Hilfe. Soweit ich das beurteilen konnte auf meinen seidenweichen Hügelchen im Stadtwald… Im Lauf später haben sie sich definitv bezahlt gemacht, ehrlich gesagt weiss ich sogar nicht, wie ich die Strecke hätte ohne Stöcke bewältigen können!
  2. Yogaübungen und Muskelaufbau für die Knie: fast täglich gemacht. Kniemuskulatur aufgebaut mit Übungen auf dem Schaumstoffbrett. Sicherlich könnte ich mehr gemacht haben, aber ein bisschen mehr Festigkeit und damit Schmerzfreiheit sollte es wohl bringen…
  3. Ernährung beim Laufen ausprobieren: bei 27 Grad hatte ich im Trainingslauf nebst vollem Trinkrucksack zwei Squeezy-Gels dabei, die ich gut vertragen habe. Außerdem werde ich mich beim Laufen an die Tipps der Profis halten: Never change a running system. Das bedeutet zB, nicht die Gelmarke zu wechseln, oder Käsebrötchen an den Stationen futtern, wenn man sonst nur Rosinen hatte. Ausprobieren in der Vorbereitung, beim Lauf dann keine Experimente.
  4. Strecke kennenlernen und einteilen: Auch lange Strecken sind unterteilbar: Nur zwei KM bergauf, dann 3 sanft bergab. Nur 7,8 insgesamt bis zur ersten Verpflegungsstation. Danach nur ein hartes Stück, danach gehts einfacher weiter… usw.. So wird aus einer harten, unbekannten Strecke ein Stückwerk aus Teilstrecken, die jede für sich gut zu bewältigen sein sollten. Dass es dann nachher eventuell/ wahrscheinlich a) härter und b) anders kommt als man denkt, gehört wohl mit dazu 🙂 Die Strecke war dann übrigens in liebevoller Mühe vom Orga-Team komplett sehr gut gekennzeichnet!
  5. Atmen 🙂

Was ich im Vorfeld planen konnte, habe ich geplant. Den Rest habe ich vertrauensvoll an das Universum (und an das gute Orga-Team :)) abgegeben. Möge es doch bitte gut für mich sorgen! Das hört sich ein wenig verrückt an – aber letztlich ist es einfach logisch, das aufzugeben, abzugeben, was uns sowieso nicht obliegt! Wetter oder Tagesform, Glück oder Zufall – was soll das am großen Ganzen rütteln? Gut planen, achtsam sein und vertrauen, das ist die Mischung.

Trail-Need Nr. 3: Dranbleiben. Nicht aufgeben. Keep going!

Während des Laufs durchschritt ich unterschiedliche Stadien: Von zögerlichem Einsatz meiner Kräfte zu Beginn, der vorsichtigen Belastung meiner Knie, aus Angst, sie könnten direkt Schwierigkeiten machen, über kraftvollere Leichtlauf-Passagen über blumige Wiesenhänge und zügige Wanderschritte, bis zu taumelndem Erklimmen steilster Bergpassagen und dem damit verbundenen „Kurz vor Limit“-Gefühl!

Als nach dem härtesten Stück nach 16 KM immer noch kein Ende des steilen, verwurzelt-felsigen Anstiegs zu sehen war, obwohl dies doch laut meiner Planung hätte so sein sollen, ein Vorwärtskommen auf zwei Beinen eigentlich nicht mehr möglich war und dann noch das angekündigte Unwetter mit ordentlichem Hagel einsetzte, war mein Tiefpunkt erreicht. Ich formulierte für mich die Möglichkeit, nach KM 18 auszusteigen. Dort hätte ich nahezu alle Höhenmeter mitgenommen, und 2 km mehr als bis zu dieser Stelle geplant, gelaufen. Mein Ehrgeiz ist nicht so stark, komplett durchnässt und bis an meine Grenzen noch weiter zu machen, so dachte ich.

In dieser eher mauen Verfassung kam ich bei der Verpflegungsstelle an, VP2 für uns 25ler, VP4 für die unglaublichen 53er. Es funktioniert sofort: Dieses Gefühl, es „geschafft“ zu haben, bis dorthin, stärkte mich wieder! Einen Becher Apfelschorle hinunterzustürzen, noch einen, ein kurzer Talk und das eine oder andere freundliche Lächeln mitnehmen, kurz innezuhalten, um dann festzustellen: Es geht noch! Die Jacke schon wieder fast trocken im Sonnenschein, die Beine noch dran, Lächeln geht auch wieder. Die restlichen 7-8 KM bekomm ich auch noch hin, liebevoll „Worst Case“, „Tromsø“  und „Holy Trail“ genannt, ich komme! Also noch ein Stück Schokolade für den Weg, und weiter geht´s zu dem wohl schönsten Teil des U.Trails.

Zum Glück, muss ich sagen, denn den Bus, den es in meiner Vorstellung hätte geben sollen und der mich hätte ins Tal fahren sollen, den gab es hier gar nicht 🙂 Der Rest war auch mental wieder leichter: meine Schuhe haben guten Grip, ich kann wesentlich besser klettern, als schnell laufen… Die Passagen waren wirklich abenteuerlich! Klettern am Seil und steilen Stein, Gratwanderungen, Felsumrundungen, zwischendurch immer wieder weichnadeliger Waldbodensingletrail… Traumhaft schön, mit dem kleinen Nachteil, dass so die Kilometer wirklich träge dahinflossen! Leise kam vor allem auf den letzten KM immer wieder der Gedanke in mir auf, das reicht jetzt aber wirklich, ich mag nicht mehr. Ich sah mich schon am Ziel. Und immer nochmal 5 KM… Eine andere Seite in mir wurde dabei aber stärker: Die, die mir sagte: Ja und? Es geht nur weiter! Es gibt keine andere Möglichkeit, als weiter zu machen. Mach halt langsam, aber mach!

Beständigkeit. Beständiges Bemühen, Abhyasa, nennt Patanjali das. Grenzerfahrung ist hier ein Gewinn, Aufgeben eben keine Option 😉

Belohnt wurde mein System dann auf den letzten Metern, ein roter Teppich bis ins Ziel, ein sensationell freundlicher Empfang, der ganze Ort zusammengekommen, um uns zu feiern, gemeinsam mit der ebenfalls euphorisierten Laufkollegin ins Ziel eingelaufen, einfach nur Erleichterung. Befreites, glückliches Angekommen sein. Und ein bisschen Stolz. Mir war es auch egal, dass ich mit meiner 25 K Startnummer gemeinsam mit oder sogar nach vielen 53 KM-Läufern ins Ziel kam – Ich war im Ziel! Danke für die absolut tolle Veranstaltung!

Zahlen und Fakten auf meinem Runtastic: 25,5 KM, 6:12 Nettolaufzeit, 1.423 Höhenmeter, Flüssigkeitsbedarf: 5.038 Liter 😀

Mit dem Masse, mit dem der Muskelkater nun nachlässt, setzt sich übrigens die Freude über den großartigen Lauf fest, und es winkt sogar schon von weitem ein Fähnchen mit der Aufschrift „Beim nächsten Mal wieder mit dabei“ und noch ein Stück weiter „53 K wären auch mal geil“…

In diesem Sinne: Keep going, running, trailrunning….

„In der Balance aus Anstrengung und Gelassenheit wird der Geist beherrscht“

abhyāsa-vairāgya-ābhyāṁ tan-nirodhaḥ, patanjali, 1.12

 

 

Sabine Flechner-Schork
Ich mag Trailrunning in wilder Natur, Yoga & Stille, Essen, Lachen und gute Gespräche. Meine Stärken sind es, strukturiert Situationen zu erfassen und sie gezielt zu planen und zu gestalten. Am liebsten gebe ich Motivation & Knowhow weiter, um gemeinsam effizient und mit Leichtigkeit an deinen Zielen arbeiten zu können.

Leave a Reply 3 comments

Markus - 30. Mai 2016 Reply

Wow Sabine! Respekt!
„Mal eben“ so einen Lauf zu machen… Echt krass. Gratulation zum Finish und dem tollen Bericht.

    Sabine Flechner - 31. Mai 2016 Reply

    Danke, Markus“strongman“ 🙂 Ja, gerade diese Kombination aus „Entscheidung für etwas“ und „Was habe ich nun dadurch gewonnen?“ finde ich interessant! Manchmal muss man es eben einfach tun! Kennst Du doch bestimmt 🙂 LG

Ultra Trail Lamer Winkel - mit Kampf und Krampf - Trails.Trips.Relax. - 3. Juni 2016 Reply

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